Zusammenfassung der MANEO-Umfrage

auf der Presskonferenz der MANEO-Werkstatt
am Samstag, dem 12.05.2007, 12.00 Uhr,
Rathaus Schöneberg, Berlin

Berlin, den 12.Mai 2007

vorgetragen von Bastian Finke, Projektleiter MANEO

Die Ergebnisse der Umfrage sind schlecht ausgefallen. Nach den Studien von Michael Bochow und den bei MANEO gemeldeten homophoben Vorfällen gingen wir bisher von einem Dunkelfeld von 80 Prozent aus. Die Umfrage belehrt uns nun eines Schlechteren: Nach den vorliegenden Eregbnissen unserer Umfrage, an der sich fast 24.000 Personen beteiligt hatten, werden 90 Prozent der Taten bei der Polizei nicht angezeigt.

Mehr als jeder Dritte (35 Prozent) gab an, in den letzten zwölf Monaten Gewalterfahrung gemacht zu haben. Erschreckender als diese reine Anzahl von Delikten ist aber die Tatsache, dass von den jungen Schwulen und bisexuellen Männern (unter 18 Jahren) fast zwei Drittel (63 Prozent) innerhalb des letzten Jahres Gewalt erfahren haben. Dazu kommt noch der Umstand, dass jüngere Schwule tendenziell weniger Gewalttaten anzeigen. Oder um es direkter zu formulieren: Man kann als junger Schwuler in Deutschland offenbar nicht in Ruhe aufwachsen - und die Betroffenen bagatellisieren die Taten.

Beispiel: In der Umfrage wurde abgefragt, ob körperliche Gewalt bei der Tat im Spiel war, was dann 92% der Befragen verneinten. Von ihnen erklärten aber immer wieder auch Betroffene: „Ich habe zwar ein blaues Auge, aber es war Gott sei Dank nicht so schlimm.“ Neben dieser Form der Bagatellisierung spielt ein weiterer Umstand eine Rolle, warum es hier zu Fehleinschätzungen kommt.

Es ist selbst für Experten in strafrechtlichen Fragen nicht einfach, einen Tatbestand einer Gewalttat eindeutig einer bestimmten juristisch relevanten Gewaltform zuzuordnen. Der juristische Unterschied beispielsweise zwischen einer Bedrohung, einer Belästigung oder Beleidigung ist erst recht für den Laien kaum nachvollziehbar.

In der Umfrage wurde gefragt, wer von den Betroffenen als Täter identifiziert werden konnte.
In 40 Prozent der Fälle haben die Betroffenen einen Einzeltäter identifiziert. Homophobe Gewalt wird danach überwiegend aus Gruppen heraus begangen (mehr als 60% Prozent). Dabei handelte es sich überwiegend um männliche Täter (87 Prozent), in 3 Prozent der Fälle waren es Frauen, in etwa 6 Prozent waren es Täter beiderlei Geschlechts. Das geschätzte Alter der Täter lag in 20 Prozent der Fälle zwischen 14 und 17 Jahren, in 54 Prozent der Fälle zwischen 18 und 24 und wurde bei 28 Prozent von den Betroffen zwischen 25 und 35 angegeben (Mehrfachnennungen bei Gruppentäterschaft möglich).

Um die Tätergruppen stärker einzugrenzen, wurden die Befragten gebeten, eine weitergehende Differenzierung vorzunehmen. Unter vorgegebenen Antworten wurde am häufigsten (49 Prozent) die Kategorie „nicht weiter auffällig“ angekreuzt. Weitere Nennungen waren „rechtsradikale Deutsche“ (7 Prozent) und „Fußballhooligans“ (2 Prozent). In einem offenen Feld haben dann 16 Prozent als Täter Personen „nichtdeutsche Herkunft“ vermerkt.

Viele haben bisher die Augen vor einer bestimmten Tätergruppe verschlossen. Ohne, dass wir danach gefragt haben, haben uns 16 Prozent von Tätern nichtdeutscher Herkunft berichtet. Hätten wir nach dieser Tätergruppe gefragt, hätten wir noch mehr Nennungen gehabt. Das Thema „Migranten als Täter“ ist angstbesetzt. Niemand will sich gemein machen mit der von Unverbesserlichen verbreiteten Parole „die Ausländer sind schuld“.

Aber man muss in diesem Zusammenhang feststellen, dass nicht die Schwulen, die die Rückmeldung „nichtdeutscher Täter“ gegeben haben, das Problem sind oder diejenigen, die diese Studie initiiert haben. Sondern die Täter, die Schwule zu Opfern machen, und die wiederum vermehrt mit Wut und Unverständnis reagieren. Das liberale Nebeneinander – hier die Schwulen, da die Migranten – ist mittlerweile Geschichte.

Lassen Sie mich deutlich sagen: Der Respekt vor der Würde des Menschen ist nicht verhandelbar. Wir wollen hier mit allen in Frieden leben, egal welcher Herkunft. Wer aber die Würde von Homosexuellen nicht anerkennt, der stellt sich selbst ins Abseits. Er steht damit außerhalb des Grundgesetzes und unserer Gesellschaft. Und damit ist klar: Dieses Verhalten muss sich ändern oder mit der vollen Härte des Gesetzes sanktioniert werden.

Wir erwarten von der Polizei und von der Justiz, den Rechtsfrieden auch für Homosexuelle zu schützen.
Die Studie zeigt, dass über 50 Prozent der Täter nicht ermittelt werden. Einerseits, weil die Betroffenen keine Anzeige erstatten – zur Erinnerung: das Dunkelfeld liegt bei 90 Prozent! Die Opfer berichten aber auch, dass sie sich mit ihren Anzeigen insbesondere bei Beleidigungen und Belästigungen (65 Prozent der Fälle) nicht ernst genommen fühlen. Bei den Betroffenen herrscht die Grundannahme, dass die Polizei diese Fälle bagatellisieren würde.Im Endeffekt führt das schlechte Image der Polizei bei den Betroffenen also dazu, dass die Polizei kaum Kenntnis von homophoben Gewalttaten nimmt.

Und weil die Polizei die Problemlage nicht erkennen kann, sorgt sie durch ihre Untätigkeit dafür, dass rechstsfreie Räume entstehen. Und das verbale Gewalt als harmlose „Jugendkultur“ salonfähig wird. Dort, wo es bei der Polizei Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweise als feste Stellen gibt –Berlin ist hier bisher eine herausragende Ausnahme - sieht es deutlich besser aus. Daran müssen sich die anderen Bundesländer ein Beispiel nehmen.

Und es muss betont werden: Es darf nicht bei der privaten Initiative einiger Polizeibeamten in den anderen Bundesländern bleiben. Wir wollen im nächsten Jahr feste Ansprechpartner der Polizei aus allen Bundesländern bei der nächsten MANEO-Werkstatt begrüßen können - und wir bieten ihnen unser Knowhow an.

Auch wenn Berlin vorbildlich erscheint, es hat 16 Jahre gedauert, eine derartige Veranstaltung wie die MANEO-Werkstatt zu organisieren, dank finanzieller Zuwendungen außerhalb der finanziellen Förderung von MANEO. Und das Problem „Homophobe Gewalt“ ist in dieser Zeit leider nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: Die große Mehrheit der von Gewalt Betroffenen ist auf scheinbar sicherem Terrain Opfer geworden. Die Befragung zeigt zudem: Aber auch Verstecken hilft nicht. Wer sich in der Abgeschiedenheit abgeschlossener Räume z.B. den schwulen Viertel der Großstädte oder der scheinbaren Anonymität des Internets in Sicherheit wiegt, der kann sich dadurch nicht dem Risiko entziehen, sich als Schwuler doch eine blutige Nase zu holen.

Lesben und Schwule müssen selbst das Problem in die Hand nehmen – als Bürger in ehrenamtlichen Strukturen – und sie verdienen dafür die Unterstützung aller Gutwilligen. Diese Arbeit – selbst ehrenamtliche Arbeit – kostet jedoch Geld. Dazu gehört unbedingt die schulische Bildungs- und Aufklärungsarbeit auf der einen Seite, aber auch die Anti-Gewalt-Arbeit, wozu die Zusammenarbeit mit der Polizei und die Opferhilfe-Arbeit zählen. Hier liegt die Verantwortung beim Staat. Er muss die Würde des Menschen schützen und darf sich nicht davonstehlen.

Politischen Sandkastenspiele und Alibi-Projekte nach dem Gießkannenprinzip nützen den Opfern homophober Gewalt nichts. Ebensowenig Lippenbekenntnisse. Neue Gesetze wie das ADG oder die eingetragene Lebenspartnerschaft machen eine Gesellschaft nicht automatisch toleranter. Ohne Aufmerksamkeit, eine unmissverständliche Haltung gegen homophobe Gewalt und einen öffentlichen Konsens über die Verwerflichkeit dieser Delikte bleibt alles beim alten.

Verantwortungsbewusst handeln bedeutet für zukünftige Generationen zu handeln. Wenn in unserer Umfrage von den unter 18jährigen fast zwei Drittel von Gewalterfahrungen berichten, so ist das eine schwere Hypothek für ihre persönliche Entwicklung – aber auch für die gesamte Gesellschaft.

Die von den Opfern und uns als Opferhilfe wahrgenommene Bagatellisierung der Gewalt führt zu einer untragbaren Beeinträchtigung der Lebensqualität und zu nicht unerheblichen Kosten für die Gesellschaft – sei es die akute medizinische Hilfe oder Erwerbsminderung durch die Folgen schwerer traumatischer Erfahrungen.

Wir können vor den absehbaren Folgen nur eindringlich warnen, die sich gerade auch mit den Ergebnissen der Befragung für die Gesellschaft zeigen. Wir fordern die Politik auf, sich dieser Problematik ernsthaft zu stellen. Wir haben das Gefühl, dass das Problem parteiübergreifend ernst genommen wird und dass Konsens darüber herrscht, dass das Thema nicht wieder in der Versenkung verschwindet.

In diesem Zusammenhang danken wir vor allem der Stadt Berlin, dem Regierenden Bürgermeister, der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, dem Berliner Innensenator und besonders der Berliner Polizei für die bisherige politische Unterstützung unserer Veranstaltung, sowie allen, die uns mit Grußworten unterstützt haben und Interesse an unserer Arbeit und dem Thema signalisiert haben.

Jetzt müssen aber den Worten auch Taten folgen.“

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MANEO Umfrage Dezember 06 -Januar 07

Beteiligung: fast 24.000 Personen

Dunkelfeld:
90 Prozent der Taten werden bei der Polizei nicht angezeigt

Gewalterfahrung in den letzten zwölf Monaten:
mehr als jeder Dritte (35 %)
bei den unter 18 Jährigen (63 %)

Täter:
In 40 % der Fälle: Einzeltäter
In mehr als 60%: Tätergruppen

Geschlecht der Täter:
männliche Täter : 87 %
Frauen: 3 %
Täter beiderlei Geschlechts: etwa 6 %

Das geschätzte Alter der Täter:
20 % zwischen 14 und 17 Jahren
54 % zwischen 18 und 24 Jahren
28 % zwischen 25 und 35 Jahren
(Mehrfachnennungen bei Gruppentäterschaft möglich).

Die Tätergruppen-Einschätzungen:
„nicht weiter auffällig“: 49 %
„rechtsradikale Deutsche“:7 %
„Fußballhooligans“:2 %
In einem offenen Feld haben 16 % als Täter Personen „nichtdeutsche Herkunft“ vermerkt.

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DKLB Maneo